Probiotika sind nach heutiger Definition lebende, nichtpathogene Mikroorganismen, die in ausreichender Zahl verabreicht einen vorbeugenden oder therapeutischen Effekt auf unseren Körper haben (FAO/WHO, 2001). Mikroorganismen, vor allem Bakterien, werden gezielt bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts zur Vermeidung und Behandlung von infektiösen Erkrankungen des Verdauungstraktes eingesetzt. Der Unterscheidung zwischen Lebensmittel und Arzneimittel ist dabei oft schwer zu machen. Die heute verwendeten probiotischen Mikroorganismen stammen entweder aus traditionell fermentierten Lebensmitteln, sind bekannte positiv-wirkende Darmorganismen oder stammen aus der Umgebung (Sanders et al., 2013). Seit Menschengedenken wurden Lebensmittel in die tägliche Nahrung einbezogen, die zuvor einem Fermentationsprozess durch Mikroorganismen unterworfen worden waren. Die in zahlreichen Varianten fermentierte Milch enthält z.B. beträchtliche Mengen lebensfähiger Mikroorganismen. Schon 1907 stellte E. Metchnikoff (der später übrigens zusammen mit L. Pasteur den Nobelpreis erhielt) die These auf, dass die im Joghurt vorhandenen Mikroorganismen zur Darmgesundheit beitragen (Caramia, 2008). Probiotika können über verschiedene Wirkmechanismen wirken. Bei der Immunmodulation beeinflussen die Probiotika die Komponenten des erworbenen, wie auch des angeborenen Immunsystems. Dann gibt es die Wirkung auf andere Mikroorganismen durch Bakteriozine (kleine antimikrobiell wirksame Peptide). Auch ein Wettbewerb um Nahrung kann durch Verdrängung zum Verschieben der Verhältnisse von Darmbakterienarten führen. Es gibt sogar Anzeichen für antikarzinogene Effekte (Wirkung gegen Krebs) (Bischoff, 2011).

Der gesunde Darm des Menschen wird von einer riesigen Zahl an Bakterien, einzelligen Eukaryonten und anderen Organismen besiedelt. Die Gesamtheit dieser Mikroorganismen wird als Darmflora oder Mikrobiota bezeichnet. Die Zahl dieser Mikroorganismen wird auf etwa 1014 Bakterien geschätzt und übersteigt damit die Zahl der Körperzellen etwa um das Zehnfache (Vyas and Ranganathan, 2012). Man schätzt, dass der Mensch von ca. 1.100 verschiedenen Darmbakterienarten besiedelt werden kann, wobei beim einzelnen Menschen die Hauptmasse zu ca. 160 Arten gehört.

Ein neugeborenes Kind hat einen sterilen Darm. Die Erstbesiedelung findet durch Bakterien der Mutter, sowie der näheren Umgebung statt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Zusammensetzung der Bakterien sich von Kindern, die durch natürliche Geburt zur Welt kamen, von der von Kindern, die mittels Kaiserschnitt geboren wurden, unterscheidet (Holgerson et al., 2011). Die Besiedlung fixiert sich in den ersten Jahren und bleibt dann lange stabil (Martinez et al., 2013). Der Konsum von Probiotika führt nur zu einer transienten (vorübergehenden) Besiedelung mit diesen Bakterien, da der Darm einen Barriere-Effekt hat, der eine Besiedelung mit neuen Bakterienarten und eine Verdrängung von bestehenden Populationen verhindert (Vollaard and Clasener, 1994). Das ist wohl auch der Grund, warum bei gesunden Personen eine positive Wirkung von Probiotika nur schwer nachzuweisen ist. Der Haupteinsatzbereich wird bei bestehenden Darmproblemen liegen.

Bei massiven Störungen, verursacht z.B. durch eine Antibiotikabehandlung, ist es wichtig, eine gesunde Darmflora wieder herzustellen. Auf natürlichem Wege scheint sich die Darmflora aus dem Reservoir des Wurmfortsatzes des Blinddarms regenerieren (Randal Bollinger et al., 2007). Dies dauert eine gewisse Zeit, in der es zu einer Fehlbesiedlung mit Schadbakterien wie Clostridien kommen kann (Im et al., 2011). In dieser Phase soll der Konsum von probiotischen Bakterien die Fehlbesiedlung verhindern und die Etablierung einer gesunden Darmflora unterstützen.

Die heute verwendeten und zugelassenen Probiotika sind alle genau charakterisiert worden, bevor sie als Lebensmittel eingesetzt werden durften. Die Wirkung der einzelnen Bakterien ist jedoch nicht nur art- sondern sogar stammspezifisch. D.h. einzelne Unterstämme einer Art haben unterschiedliche Wirkungen, weshalb in klinischen Studien immer genau ein spezieller Stamm getestet wird, das Ergebnis dann aber auch nur auf diesen Stamm zurückgeführt wird und nicht auf „Probiotika“ allgemein. Aus diesem Grund sind Multispezies-Probiotika, die aus verschiedenen Probiotika zusammengesetzt sind, sinnvoll, da man eine größere Chance hat, einen Stamm dabei zu haben, der eine gute Wirkung ausübt.

Wie schon beschrieben, kommen die meisten Bakterien im Enddarm vor. Es stellt sich daher die Frage, wie effektiv lebensfähige Bakterien über den Magen bis dorthin gelangen können. Tatsächlich reduziert sich die Anzahl vieler Bakterien im sauren Magen beträchtlich, es gelangen aber anscheinend zumindest die Milchsäurebakterien in genügender Zahl bis zum Zielort (Tompkins et al., 2011). Besonders die Kombination mit Präbiotika scheint das Überleben bei der Darmpassage zu erleichtern.

Anstatt einzelne Bakterienstämme als Probiotika zu sich zu nehmen, ist eine gute Alternative der Verzehr von traditionell fermentierten Lebensmitteln. Diese enthalten meist eine Kombinationen an Mikroorganismen und bringen die präbiotisch wirkenden Zusatzstoffe meist auch noch mit (Chang et al., 2008; Endo et al., 2008; Oguntoyinbo and Narbad, 2012).

Dr. Jens Pohl Autor: Jens

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